Test Die globale Denkgestalt

Grundriss eines Universalschemas zur vereinheitlichten Darstellung von Prozessen


( Textauszug: P. Hollitzer 2011, S. 15-28 )

Der Grundriss der globalen Denkgestalt


Der Geltungsbereich der globalen Denkgestalt ist nicht eingrenzbar. Die globale Denkgestalt ist eine Vorstellung darüber, wie Prozesse in allgemeiner Form dargestellt werden können. Mit der allgemeinen Darstellung von Prozessen wird die Möglichkeit eröffnet, Prozesse in allen Größensystemen, mit variierenden Komplexitäts- und Abstraktionsgraden in vereinheitlichter Form zu beschreiben und darzustellen. Die Anwendung des Universalschemas der globalen Denkgestalt führt uns die Entstehung, die Existenz und das Vergehen von Prozessen widerspruchsfrei vor Augen. Eine Beschreibung ist die sprachliche Wiedergabe eines Prozesses. Die Darstellung eines Prozesses ist die Überführung der Beschreibung dieses Prozesses in ein abstraktes Konzept. Hier ist es das Universalschema der globalen Denkgestalt.
Abb1.Hauptgrafik

Abb 1. Universalschema

Beschreibung und Definition der Grundbegriffe des Universalschemas


Beschreibung des Universalschemas

Der mittlere Teil der Grafik zeigt eine Ellipse, in deren Inneren die Kohärenz, also der Zusammenhang von Struktur, Vorgangs und Funktionen abgebildet ist. Die wechselseitigen Pfeile bringen zum Ausdruck, dass sich ein Vorgang, eine Funktion und eine Struktur wechselseitig aufeinander beziehen. Im oberen Teil der Grafik werden die Rahmenbedingungen zugeordnet, die einen Zusammenhang von Struktur, Vorgang und Funktion erst ermöglicht oder diesen Zusammenhang modifizieren. Der wechselseitige Pfeil zwischen dieser Zusammenhangsdarstellung und den Rahmenbedingungen zeigt die Korrespondenz - also eine Übereinstimmung zu den Rahmenbedingungen. Der Zusammenhang von Struktur, Vorgang und Funktion modifiziert auch die Rahmenbedingungen. Die Zeit wird im unteren Bildrand als eine Abfolge von Ebenen und Krisen dargestellt.

Definition der Grundbegriffe des Universalschemas

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Ludwig Wittgenstein

Bei der Definition der Grundbegriffe des Universalschemas sind bestimmte Konventionen zu berücksichtigen. Die Grundbegriffe sind so zu definieren, dass sie tatsächlich dem Universalitätscharakter der globalen Denkgestalt genügen und gleichzeitig den speziellen Eigenschaften und Anforderungen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Rechnung tragen.

Vorgang

Vorgang

Abb. 2 Vorgang

Als Synonym für das Wort Vorgang kann auch der Begriff Praktik oder Handlungsweise verwendet werden. Ein Vorgang besteht aus einem Ereignis und einem Vorgangsschema und ist die Beschreibung eines Geschehens. Das Ereignis ist das Einmalige an einem Vorgang, das Vorgangsschema kann öfter vorkommen.(vgl. Weizsäcker, C.F.v. ,1992, 194)
Jeder Blitzschlag ist ein einmaliger, individueller, nicht wiederkehrender Vorgang. Blitzschläge laufen jedoch nach einem bestimmten Vorgangsschema ab.
Die Vorlage für dieses Vorgangsschema ist ein Naturgesetz. Naturgesetze sind die sprachliche Bedingung zur Beschreibung und Erklärung von Vorgängen in der Natur. Naturgesetze sind keinesfalls die Beschreibung der Struktur, die einen bestimmten Vorgang in der Natur ermöglicht, sondern sie sind die Beschreibung des Vorgangsschemas. Der Blitzschlag ist ein Vorgang – also ein Ereignis und Vorgangsschema –, der durch eine bestimmte Struktur ermöglicht wird. Die Frage, ob in ein Vorgangsschema, dessen Vorlage ein Naturgesetz ist, interveniert werden kann, muss von Naturwissenschaftlern beantwortet werden.

Auch ein Fieberschub ist ein Vorgang. Jeder einzelne Fieberschub für sich betrachtet ist ein einmaliges, nicht wiederkehrendes Ereignis. Das Vorgangsschema eines Fieberschubes ist in der Medizin weitestgehend bekannt. Es gibt Medikamente, die das Fieber senken, also in das Vorgangsschema eines Fieberschubes eingreifen. Das Medikament „zerstört“ das Vorgangsschema eines Fieberschubes, es beseitigt aber eventuell nicht die Struktur, die den Vorgang „Fieberschub“ erst ermöglicht hat. Dieses Beispiel verdeutlicht nochmals den Unterschied zwischen einem Vorgangsschema, das Bestandteil eines Vorgangs ist, und der Struktur, die dieses Vorgangsschema ermöglicht hat.

Vorgänge können auch zu Krisen führen. Je genauer ein Vorgangsschema bekannt ist, das zu einer Krise geführt hat, umso genauer können Möglichkeiten zur Krisenverhinderung diskutiert werden. Im Grunde genommen ist jede Zertifizierung von Abläufen eine Intervention in ein Vorgangsschema oder die Festlegung eines Vorgangsschemas, um mögliche Krisen bei sozialen Prozessen zu verhindern. Beispielweise dient die Zertifizierung von Vorgängen in Pflegeeinrichtungen dazu, die Qualität der Pflege zu gewährleisten. Die Differenzierung eines Vorgangs in ein Ereignis und in ein Vorgangsschema eröffnet die Möglichkeit zur Intervention. Die Intervention in ein Vorgangsschema verändert Prozesse.


Funktion

Funktion

Abb. 3 Funktion

Die Funktion beschreibt den Zweck eines Vorgangs und die Möglichkeiten, die sich aus diesem Zweck ergeben.

Beispielsweise ist der Zweck eines Kauprozesses in aller Regel die Zerkleinerung der Nahrung. Die Möglichkeiten, die sich aus diesem Zweck ergeben, sind das Schlucken und das Verdauen der Nahrung. Möglichkeiten produzieren Prozesse. Die Funktion ist die Stelle im Universalschema, an der die Produktion neuer Prozesse stattfindet. Das Schlucken der Nahrung und das Verdauen der Nahrung sind ebenfalls wieder Prozesse, die durch die Zerkleinerung der Nahrung erst möglich werden. Die Abb. 4 zeigt die Überführung dieses Beispiel in das Universalschema.
Beispiel Funktion

Abb. 4 Beispiel Funktion

Ein Prozess, der noch nicht der Vergangenheit angehört, kann von verschiedenen Möglichkeiten gleichzeitig überlagert sein. Möglichkeiten sind mögliche empirische Befunde. Die Beschreibung erkennbarer Möglichkeiten ist ein Blick in die Zukunft. Welche Möglichkeiten tatsächlich zum Zuge kommen, kann erst beschrieben werden, wenn der Prozess beendet ist. Die Fahrt von Berlin nach Köln, als Prozess verstanden, ist so lange von verschieden Möglichkeiten überlagert, bis die Fahrt beendet ist.

Struktur

Struktur

Abb. 5 Struktur

Strukturen begegnen uns in vielfältigster Form. Strukturen können flüchtiger Natur sein, wie beispielsweise ein dahergesagter Satz, andere Strukturen hingegen können beständiger sein wie zum Beispiel unser Kosmos. Jede Wahrnehmung beruht auf Struktur. Die Definition des Begriffes Struktur im Rahmen der globalen Denkgestalt lautet: „ Strukturen erzeugen Vorgänge und Funktionen.“

Rahmenbedingungen

Rahmenbedingungen sind Bestandteil eines Prozesses und Rahmenbedingungen bestehen aus Prozessen, die wiederum durch spezifische Rahmenbedingungen entstehen und modifiziert werden.
Rahmenbedingungen

Abb. 6 Rahmenbedingungen

Jeder einzelne Prozess in den Rahmenbedingungen kann auf der Grundlage des Universalschemas dargestellt werden. Es gibt natürliche Rahmenbedingungen und es gibt konstruierte Rahmenbedingungen. Das Klima ist eine natürliche Rahmenbedingung, die Erklärung der Klimaphänomene ist eine konstruierte Rahmenbedingung. Konstruierte Rahmenbedingungen können verändert werden, natürliche Rahmenbedingungen können nur schwer oder gar nicht verändert werden. Rahmenbedingungen können auch als Systeme verstanden werden, deren Grenzen definiert werden können, z. B. Wirtschaftssysteme oder Sozialsysteme, oder als Ganzes, dessen Grenzen nicht erkennbar sind. Die Systeme werden durch das Produzieren immer neuer Prozesse durch Prozesse auf der Basis eines einzigen Schemas am Leben erhalten. Die Darstellung dieses Schemas ist das Universalschema der globalen Denkgestalt. Prozesse produzieren Prozesse und realisieren so die Selbsterhaltung von Systemen. Rahmenbedingungen entstehen und vergehen.

Kohärenz und Korrespondenz
Unter Kohärenz ist der wechselseitige Zusammenhang von Vorgängen, Funktion und Struktur zu verstehen. Die Korrespondenz beschreibt die Übereinstimmung zu Rahmenbedingungen. Rahmenbedingungen ermöglichen erst die Kohärenz von Vorgängen, Funktion und Struktur. Die Kohärenz von Vorgängen, Funktion und Struktur wiederum schafft Rahmenbedingungen. Die Schaffung und Modifizierung von Rahmenbedingungen wird in der Funktion über die erkennbaren Möglichkeiten sichtbar. Die Funktion beschreibt den Zweck und die erkennbaren Möglichkeiten eines Vorgangs.

Zeit, Ebene und Krisen
Im Rahmen der globalen Denkgestalt wird eine abstrakte Betrachtung der Zeit benutzt. Die Zeit wird als eine Abfolge von Ebenen und Krisen verstanden. Die Beschreibung von Ebenen und Krisen ist die Beschreibung von Veränderung. Der Modus der Zeit ist die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Vergangenheit ist faktisch, die Gegenwart ist Wirklichkeit, und die Zukunft ist möglich. Die Beschreibung der Vergangenheit ist die Beschreibung von Erfahrung. Erfahrung ist die Beschreibung von Möglichkeiten, die faktisch geworden sind. Und damit ist Erfahrung die Grundlage für die quantitative – mathematische – Erfassung von Möglichkeiten und Voraussetzung für die Erstellung von Prognosen. Die Gegenwart ist Wirklichkeit. Wirklichkeiten sind zum Zuge gekommene Möglichkeiten. Wenn aus den Möglichkeiten A, B, C die Möglichkeit B zum Zuge kommt, dann ist diese Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden. Die Gegenwart kann als ein Bindeglied zwischen der Zukunft und der Vergangenheit gesehen werden, sie ist der Moment der Entscheidung und der Veränderung. Die Zukunft besteht aus Möglichkeiten. Möglichkeiten sind mögliche empirische Befunde. Empirische Befunde basieren auf Erfahrung, Beobachtung und Wahrnehmung. Eine Ebene ist eine Zeitspanne mit stabiler Kohärenz und Korrespondenz. Krisen können dann entstehen, wenn sich die Korrespondenz zu Rahmenbedingungen verändert. Krisen können Strukturen verändern oder ganz auflösen. Ein Beispiel hierfür ist das Verschwinden von Tierarten auf unserem Planeten.

Quellenangaben:

Hollitzer, P.:
Die globale Denkgestalt Grundriss eines Universalschemas zur vereinheitlichten Darstellung von Prozessen. München 2011. Literareon im Herbert Utz Verlag GmbH
Weizsäcker, C.F.v.:
Zeit und Wissen. München, 1992. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG.